Ein Sicherheitstest steht an: Kann die Restschwungkraft der Turbine bei Stromausfall lange genug Notsysteme versorgen, bis die Dieselgeneratoren anspringen? Eigentlich sollte der Test tagsüber laufen — aber die Netzleitstelle in Kiew bat um Verschiebung, um die Stromversorgung tagsüber nicht zu gefährden.
Jetzt, fast zehn Stunden später, läuft der Test in der Nachtschicht — die für genau diesen speziellen Test weniger vorbereitet ist als die Tagschicht. Der Reaktor befindet sich durch die lange Verzögerung in einem instabilen Zustand bei niedriger Leistung.
Der Knopf, der den Reaktor eigentlich hätte sichern sollen, löste durch den unbekannten Konstruktionsfehler mit den Graphitspitzen der Steuerstäbe genau den Leistungsanstieg aus, der Sekunden später zur Explosion führte. Die Bedienmannschaft hatte alle vorgeschriebenen Schritte befolgt — der entscheidende Fehler lag im Reaktordesign selbst, nicht allein im Handeln der Menschen im Kontrollraum.
Der stellvertretende Chefingenieur Anatoli Djatlow wurde 1986 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt und bestand bis zu seinem Tod 1995 darauf, der Konstruktionsfehler sei die eigentliche Ursache gewesen — eine Einschätzung, die eine internationale Untersuchung (INSAG-7, 1992) später teilweise bestätigte, neben den tatsächlich begangenen Vorschriftsverstößen.
Mehr zur Katastrophe von Tschernobyl auf Wikipedia →
Weitere Histogramme → Übersicht