Der Krieg ist im dritten Jahr. Du, gefeierter Autor der Buddenbrooks, glaubst an eine deutsche Kultur, die sich von der "Zivilisation" des Westens unterscheidet — tiefer, musikalischer, weniger politisch. Dein älterer Bruder Heinrich sieht das anders: Er schreibt öffentlich gegen den Krieg, gegen deutschen Nationalismus, für Demokratie nach französischem Vorbild.
Der Bruderzwist wird öffentlich. Heinrich veröffentlicht einen Essay, der wie eine Abrechnung mit dir gelesen wird. Du fühlst dich verraten — von deinem eigenen Bruder, mitten im Krieg. Du beginnst eine Verteidigungsschrift: gegen den "Zivilisationsliteraten", für den deutschen Sonderweg.
Freunde raten ab. Das Buch, sagen sie, wird dich Jahre kosten und dich politisch festlegen, gerade jetzt, wo niemand weiß, wie der Krieg endet. Aber du hast schon hunderte Seiten geschrieben.
Er starb in Zürich, als Schweizer Wahlbürger.
Nach dem Goethejahr blieb Mann zwischen den Fronten des Kalten Krieges — in den USA von manchen als Sympathisant des Ostens verdächtigt, in Deutschland von manchen als Verräter am eigenen Land gesehen. 1952 verließ er, enttäuscht von der McCarthy-Ära, die Vereinigten Staaten endgültig und ließ sich in der Schweiz nieder — nicht in Deutschland, das er nie wieder als sein Zuhause bezeichnete.
Sein Werk zeigt einen Mann, der die eigene Haltung mehrfach radikal revidierte: vom deutschnationalen Bekenntnis der Kriegsjahre bis zum überzeugten Humanisten im Exil. Die "Betrachtungen eines Unpolitischen" blieben ihm zeitlebens unbequem — ein Jugendwerk, von dem er sich nie ganz lösen konnte.
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