Im März ist dein Freund, der Gerichtsmediziner Jakob Kolletschka, an einer Blutvergiftung gestorben — ein Student hatte ihn beim Sezieren mit dem Skalpell verletzt. Als du den Autopsiebericht liest, erkennst du dieselben Symptome wie beim Kindbettfieber, das in deiner Klinik reihenweise Wöchnerinnen tötet: manchmal sterben hier mehr als sieben von hundert Frauen.
Dir wird klar: Die Ärzte und Studenten kommen direkt vom Seziersaal zur Geburtsstation, ohne sich gründlich die Hände zu waschen. In der Klinik nebenan, wo nur Hebammen ausbilden, sterben deutlich weniger Frauen — dort wird nicht seziert. Die gemeinsame Ursache, vermutest du, sind winzige "Leichenteilchen" an den Händen der Ärzte selbst.
Es ist eine ungeheuerliche Schlussfolgerung: Du und deine Kollegen habt euren Patientinnen unwissentlich den Tod gebracht.
derselben Krankheit, die er sein Leben lang bekämpft hatte.
Im Juli 1865 wurde er, mittlerweile von Freunden und Familie als geistig verwirrt wahrgenommen, in die Niederösterreichische Landesirrenanstalt eingeliefert. Er starb wenige Wochen später an einer Wundinfektion — manche Historiker vermuten, er sei von Wärtern misshandelt worden. Die Ironie war vollständig: Der Mann, der als Erster erkannte, dass unsichtbare "Leichenteilchen" durch unsaubere Hände tödliche Infektionen verursachen, starb selbst an einer solchen.
Erst 1867, zwei Jahre nach seinem Tod, gewann der schottische Chirurg Joseph Lister mit antiseptischer Chirurgie internationale Anerkennung für Prinzipien, die Semmelweis lange zuvor praktiziert hatte. Die eigentliche wissenschaftliche Bestätigung kam erst durch Louis Pasteurs und Robert Kochs Keimtheorie in den 1870er und 1880er Jahren — Jahrzehnte, nachdem Semmelweis dafür verspottet worden war. Der Begriff "Semmelweis-Reflex" bezeichnet heute in der Wissenschaftsgeschichte das reflexhafte Zurückweisen neuer Erkenntnisse, nur weil sie etablierten Überzeugungen widersprechen.
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