Du bist mitten in der Arbeit an einem gewaltigen Grabmal für Papst Julius II. — dutzende Skulpturen, dein liebstes Metier. Dann verlangt derselbe Papst plötzlich etwas ganz anderes: die Decke der Sixtinischen Kapelle bemalen.
Du bist Bildhauer, kein Freskenmaler — und du vermutest, dass der Architekt Bramante, ein Rivale, dir den Auftrag eingeflüstert hat, in der Hoffnung, du würdest in einem fremden Medium scheitern.
Dem Papst offen zu widersprechen ist gefährlich. Aber das Grabmal liegt dir mehr am Herzen als jede Deckenmalerei.
Die Deckenfresken wurden 1512 vollendet — über 300 Figuren, ein Programm, das weit über den ursprünglichen Auftrag hinausging. Das Grabmal für Julius II., das Michelangelo eigentlich fertigstellen wollte, blieb sein Leben lang eine Baustelle aus Unterbrechungen und Kompromissen — er selbst nannte es später die "Tragödie des Grabmals".
Über zwanzig Jahre später, 1536 bis 1541, kehrte Michelangelo noch einmal in dieselbe Kapelle zurück, um die Altarwand mit dem "Jüngsten Gericht" zu bemalen — diesmal ohne die Rivalität und den Druck der ersten Jahre.
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