Du stehst vor der Wiener Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie und trägst deine "Ätiologie der Hysterie" vor: Hysterische Symptome, so deine These, gehen auf real erlebte sexuelle Übergriffe in früher Kindheit zurück, verdrängt und erst in der Analyse wieder zugänglich. Es ist eine Anklage gegen das bürgerliche Familienleben Wiens, ausgesprochen vor den eigenen Standeskollegen.
Der Sitzungsvorsitzende, dein einflussreicher Kollege Richard von Krafft-Ebing, kommentiert knapp: Das klinge wie ein wissenschaftliches Märchen. Der Saal reagiert kühl, fast schweigend. Noch am selben Abend schreibst du deinem Freund Wilhelm Fließ einen bitteren Brief über die Kollegen, die dir zugehört hätten.
Deine Praxis ist in diesen Wochen auffällig leer — als hätte sich die Ablehnung schon herumgesprochen. Die Theorie liegt bereits verschriftlicht vor dir. Gehst du damit an die Öffentlichkeit?
an den Folgen seines Krebsleidens, auf eigenen Wunsch.
In London angekommen, konnte Freud seine geliebte Antikensammlung und sogar die berühmte Couch aus der Berggasse 19 mitnehmen — im heutigen Freud-Museum London stehen sie noch immer am selben Ort. Vier seiner Schwestern, die in Wien zurückblieben, wurden später in den Vernichtungslagern Auschwitz, Theresienstadt und Treblinka ermordet.
An seinem Kieferkrebs, der ihn seit 1923 begleitete und über 30 Operationen erforderte, litt Freud bis zuletzt unter starken Schmerzen. Im September 1939, kurz nach Kriegsbeginn, bat er seinen Arzt Max Schur, das vereinbarte Versprechen einzulösen und ihm eine tödliche Morphiumdosis zu verabreichen. Ob seine Kehrtwende von 1897 ehrliche wissenschaftliche Selbstkorrektur war oder eine bequemere, gesellschaftlich verträglichere Erklärung, wird unter Historikern bis heute kontrovers diskutiert.
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