Seit der Rückkehr von deiner Weltreise auf der Beagle beschäftigt dich ein Gedanke, den du kaum auszusprechen wagst: Arten verändern sich, und die Natur selbst wählt aus, wer überlebt und wer nicht. Keine Schöpfung, kein Plan — nur Zufall und Auslese, über Jahrmillionen.
Du hast einen 230-seitigen Essay geschrieben, der die Theorie in aller Konsequenz durchdenkt. Aber du zögerst. Dein Freund, der Botaniker Hooker, warnt: "Es ist, als würde man einen Mord gestehen." Die Kirche, die Gesellschaft, deine eigene Frau Emma — alle stützen sich auf die Vorstellung, dass der Mensch eine besondere Schöpfung ist.
Du schreibst Emma einen Brief mit genauen Anweisungen: Sollte dir etwas zustoßen, soll sie das Manuskript veröffentlichen lassen, mit Geld für einen Herausgeber. Für den Fall deines Todes bist du bereit. Für das Leben noch nicht.
Über die Entstehung der Arten erschien am 24. November 1859 und war noch am selben Tag beim Buchhändler vergriffen. Darwin selbst reiste zur Veröffentlichung ab — er kurte seine chronischen Beschwerden in einem Wasserheilbad, zu nervös, um die Reaktion abzuwarten.
Bei der eigentlichen Vorstellung der Theorie am 1. Juli 1858 vor der Linnean Society in London waren weder Darwin noch Wallace anwesend — Darwin trauerte um seinen Sohn, Wallace wusste monatelang nicht einmal, dass sein Brief diese Ereignisse ausgelöst hatte. Emma und Charles blieben bis zu seinem Tod 1882 verheiratet. Den Brief über das Wiedersehen im Jenseits bewahrte er sein Leben lang auf.
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