Dein Seminar an der Hebräischen Universität heißt "Anwendungen der Psychologie" — normalerweise lädst du keine Gäste ein. Diesmal bittest du deinen Kollegen Amos Tversky, vorzutragen. Tversky präsentiert eine Studie aus Michigan: Menschen, so die These, besäßen ein solides intuitives Gespür für Statistik — wir seien im Grunde natürliche, rationale Wesen.
Du hörst zu und bist keineswegs überzeugt. In deiner eigenen Forschung begegnest du ständig Fällen, in denen Menschen bei Wahrscheinlichkeitsurteilen systematisch danebenliegen — nicht zufällig falsch, sondern in vorhersehbaren Mustern. Tverskys These widerspricht dem fundamental.
Der Vortrag endet. Alle Blicke richten sich auf dich als Seminarleiter.
durch assistierten Suizid in der Schweiz, aus freiem Entschluss.
Die Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Kahneman und Tversky, die 1969 mit einem offenen Widerspruch begann, gilt bis heute als eine der fruchtbarsten der Wissenschaftsgeschichte — verewigt unter anderem in Michael Lewis' Buch "The Undoing Project". Ihre gemeinsam entwickelten Konzepte wie Verlustaversion, Verankerung und die Verfügbarkeitsheuristik prägen heute weit über die Psychologie hinaus Bereiche wie Verhaltensökonomie, Medizin und Politikgestaltung.
2024, kurz nach seinem 90. Geburtstag und bei insgesamt guter Gesundheit, entschied sich Kahneman bewusst für den assistierten Suizid in der Schweiz — aus Sorge vor beginnender Demenz, wie sie zuvor bereits seine Mutter und seine zweite Frau, die Psychologin Anne Treisman, erlebt hatten. In einem Abschiedsbrief an enge Freunde beschrieb er sich als glücklichen Menschen, der selbstbestimmt gehen wolle, solange er dazu noch klar entscheiden könne — konsequent zu Ende gedacht im Sinne des Themas, dem er sein Leben gewidmet hatte.
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